Die leere Lesecouch in der Bibliothek"Verpasst?!" - so lautet das Thema des schulinternen Schreibwettbewerbs'14. 2 der insgesamt 15 beeindruckenden Beiträge stellen wir an dieser Stelle vor.

15 Schüler_innen der Jahrgangsstufen 9 - 12 haben vergangenes Schuljahr die Stifte gezückt oder in die Tasten gehauen. Aus den tollen Beiträgen hat die aus Frau Strecker, Frau Valk, Herrn Braun und Frau Wechsler bestehende Jury drei Preisträger_innen herausgesucht:

1.Preis:  Nicolas Uhrberg, 9a: Regenbogen

2.Preis:  Tobias Prolitt, 11b:  Verpasst: Eine Kurzreise zum Nachdenken

3.Preis: Lambert Geuenich, 11b: Schule Arschloch Liebe

 

Zwei der drei Siegerbeiträge stehen uns zur Online-Veröffentlichung zur Verfügung. Viel Vergnügen!


 

 

Regenbogen               von Nicolas Uhrberg

„Warum hast du das gemacht?“

„Was?“

„Jetzt tu nicht so, als wüsstest du es nicht!“

„Ich verstehe nicht. Wovon sprichst du?“

„Wie wäre es mit einer Entschuldigung?“

„Du bist mir immer noch böse deswegen?“

„Wärst du deiner Mutter nicht böse, wenn sie dich als Kleinkind im Stich gelassen und weggegeben hätte?“

„Ach Carla, ich habe dir doch schon so oft erzählt, wie es mir und Papa damals ging. Wir hatten keine andere Wahl.“

„...Und da war es das erstbeste, dich von deinem eigenen Kind zu trennen?

Um stattdessen mit deinem Freund, diesem Arschloch, rumzumachen?

Nenn ihn nicht Papa, ich hasse das.“

„Er ist aber dein...“

„Er ist ein verdammter Penner, mehr nicht. Hat dir ein ungewünschtes Kind hinterlassen und lässt dich und mich danach alleine, nur um Dinge zu machen, von denen ich gar nichts wissen will.“

„Ich...“

„Außerdem war er es, der dich damals in diesen ganzen Scheiß reingezogen hat.

Wahrscheinlich weiß ich es sogar noch besser als du: Der Gestank, der durch die Wohnung zog, die Blicke der Nachbarn in unsere Fenster, der Typ im Anzug, der mich fortnahm.

Ist dir das alles egal gewesen? War ich dir wirklich so egal?

Ist ja nur dein Kind gewesen, dazu noch ein ungewünschtes! - Zu spät bemerkt, um es noch abzutreiben.“

Tränen flossen ihr Gesicht hinunter, während sie vor dem Spiegel hasserfüllte Grimassen schnitt.

„Jetzt stehst du hier und möchtest mit deinem Kind sprechen - dabei rieche ich es doch immer noch, ich sehe doch immer noch, wie dreckig deine Klamotten sind.

Es ist vorbei.

Ich bin nicht deine Tochter.

Verschwinde von hier! Geh weg!“

Das Mädchen hämmerte mit den Fäusten auf ihr blitzblankes Gegenüber ein, doch die Person auf der anderen Seite wollte nicht verschwinden, sondern starrte sie mit gleichbleibendem Hohn an.

„Ich bin nicht mehr deine Tochter! Versteh das endlich!“

Auf einmal fiel der Nagel aus der Wand und mit ihm krachte der Spiegel zu Boden, wo er in tausende Teile zersprang, quer durch Carla Frischs Zimmer.

Plötzlich war es still im Raum.

Vor der 16-Jährigen erstreckte sich jetzt nur noch die leere Zimmerwand.

„Stimmt.“, flüsterte sie, „Du kannst gar nicht weggehen.

Du warst ja nie hier.“

Die Tränen bahnten sich ihren Weg und Carla ärgerte sich nun noch einmal umso mehr.

Nicht nur, dass sie gleich das ganze Schminken wieder von vorne beginnen musste.

Nein, das Mädchen musste sich auch noch einen anderen Spiegel suchen, wofür sie quer durch das Gebäude laufen musste.

Sie ging in den Badesaal, wo sie glücklicherweise unbeobachtet vor einem großen Spiegel ihre Haare kämmen und alles Weitere machen konnte.

Schließlich war heute ihr großer Tag.

Und das durfte niemand wissen.

Einen Rucksack, so leicht bepackt, wie es ging, und ihren Anorak.

Mehr Gepäck benötigte sie nicht.

Bis auf... fast hätte Carla es vergessen.

Sie nahm das kleine, durchsichtige Prisma von ihrem Nachttisch und steckte es in die Hosentasche.

Dann schloss sie leise die Tür.

 

 

Die alten Buchen vor dem Gebäude raschelten im Frühlingswind, während von ihren Blättern Wasser heruntertropfte.

Es roch nach Regen - Sommerregen.

Carla stieg die Treppenstufen hinunter zu dem Stadtpark, an dem ein großer Spielplatz lag.

Vorbei an herumtobenden Kindern ging sie über die Wiese, an die sie sich noch allzu gut erinnern konnte.

Häufig hatte sie in den Pausen, wenn die Kinder nach draußen gedurft hatten, dort gespielt oder auch nur einfach auf dem herrlich weichen Gras gelegen.

Umgeben von Grillen und einem in verschiedensten Tonfarben singenden Vogelchor hatte diese Wiese schon etwas Besonderes – besondere Ruhe zum Beispiel.

Auch an einem sonnigen Tag wie heute würden wahrscheinlich wieder zahlreiche Leute kommen und im Laufe des Tages einen kleinen Mittagsschlaf dort einlegen.

Doch noch war die Wiese von Morgentau bedeckt, der Carlas Hose befeuchtete.

Während sie ging und ging, in die Weite der Großstadt hinaus, wurde ihr langsam etwas immer klarer, worüber sie vorher eigentlich noch gar nicht so wirklich nachgedacht hatte.

Fest stand für Carla: Dieser Aufbruch sollte ein endgültiger sein.

Irgendwohin, vielleicht ins Nirgendwo.

Und trotzdem: An einem Punkt würde sie Halt machen müssen.

Sie musste an ihm vorbeigehen, ob sie nun wollte oder nicht.

Nach all den Jahren.

Carla musste sich eingestehen, dass sie es wohl eher gezwungenermaßen tun musste.

Nicht, weil es von irgendeiner Person gewünscht wurde – denn darauf hatte das Mädchen schon lange keine Rücksicht mehr nehmen müssen.

Nein, es war ihre eigene Neugier, und vielleicht auch ihr Gewissen, das sie dorthin, an jenen Ort trieb.

Dabei gab es so viele Fragen:

Was würde sie dort wohl vorfinden?

Was war mit der Frau, die sich ihre Mutter nannte?

Hatte sie etwas aus alldem gelernt?

Und sie war doch hoffentlich nicht mehr mit ihrem damaligen Freund (diesem Halunken Josh) zusammen?

Irgendwann war der Park zu Ende und sie kam wieder in besiedeltes Gebiet.

Die Stadt zog ebenso schnell an ihr vorbei wie die Wolken, die sich immer wieder vereinzelt vor das Sonnenlicht schoben.

Dort oben schien es windiger zu sein als an der windstillen Erde, legten die Wolken doch ein beachtliches Tempo hin.

Ab und zu begegnete ihr jemand, der das Mädchen misstrauisch beäugte.

In dieser Gegend kannte wahrscheinlich noch jeder jeden.

Schließlich gelangte Carla in das Zentrum der Großstadt, vorbei an den mit Stellingen und Altona beschilderten Stadtteilen hinein nach Wilhelmsburg.

Hier begann der anonymere Teil der Stadt.

Der Teil der Stadt, in dem sie geboren wurde.

Und damals ihre Mutter geschwängert.

Glaubte diese jedenfalls, was aus einem der wenigen Briefe hervorgegangen war, die Carla von ihrer Mutter bekommen hatte.

Vielleicht war es auch während einer der anderen durchzechten Nächte irgendwo in Hamburg.

Wahrheit ist immer so eine Sache.

In der Liebe und unter dem Einfluss von Alkohol.

Blöd nur, dass oft beides zusammen eine Rolle spielt.

Als Carla schließlich vor dem alten, schäbig in Stand gehaltenen Hochhaus ankam, lief es ihr kalt den Rücken hinunter.

Wenig schmeichelhaft, hier geboren worden zu sein…

An Wäschespinnen vorbei blickte sie auf die dicht aneinandergedrängten Balkone, die einen tristen Ausblick auf die anderen Hochhäuser boten.

Über die Außenfassaden der Wohnungen zog sich ein wahrer „Antennenwust“, so waren seitlich der Balkone etliche Satellitenschalen angebracht.

Volksdroge Nr. 1 in dieser Gegend: Das Fernsehen.

Komisch, dachte Carla, viel hatte man ihr im Heim ja nun wirklich nicht ermöglicht – kein Wunder, mittlerweile, mit ihren 16 Jahren, sah sie ja auch ein, dass das bei so vielen Kindern gar nicht machbar war.

Doch hier zu leben – war das eine Alternative?

Das Mädchen lief auf den Hauseingang zu, bis sie an den Klingelschildern angekommen war.

Frisch.

Mit den Fingern suchte sie die Schilder nach ihrem Namen ab, doch sie fand ihn nirgendwo.

Sie blickte noch einmal auf den Zettel, der die Adresse ihrer Mutter verriet.

Kaistraße 84.

Hier musste es eigentlich sein.

Doch sie fand keine Spur von ihrer Mutter.

Vielleicht wollte sie es auch gar nicht, jedenfalls war sie froh, später wieder zurück zur Hauptstraße gehen zu können.

Vorbei an mit Graffitis beschmierten Wänden.

Doch trotzdem erfasste sie Beunruhigung.

Vielleicht war ihrer Mutter etwas zugestoßen?

Ist mir doch egal! Fahr zur Hölle!

Das war es, was sie eigentlich denken musste. Nicht ganz zu Unrecht.

Aber das tat sie doch nicht.

Stattdessen wusste Carla Frisch plötzlich nicht, was sie tun sollte.

Wohin sollte ein Mädchen gehen, das nicht mehr als 20€ in der Tasche hatte und in seinem Leben noch nicht weiter als bis zum weniger als einen Kilometer entfernten Alsterbad gelaufen war?

Zurück gehen und bis zum Ende aller Tage Heimkind bleiben?

Nein, das kam überhaupt nicht in Frage!

Aber was sonst?

Erschöpft und ratlos setzte sich Carla auf eine Betonmauer.

Was für eine Schnapsidee!

Aus dem Heim abhauen und ein großes Abenteuer erleben – die Welt bereisen und andere Gedanken bekommen.

Vielleicht hatte sie es sich zu einfach vorgestellt, ein Leben ohne Regeln und Vorschriften.

Vor allem hatte sie insgeheim gehofft, doch noch nach Hause zu kommen.

Nicht in das, was man zu ihrem Zuhause gemacht hatte.

Sondern in ein wahres Zuhause.

Denn das hatte doch jeder Mensch, oder?

Ein Zuhause, wo man sich geborgen fühlen konnte und vor deren Tür Sorgen abgeladen werden konnten.

Jeder hatte so etwas.

Stellte sich für Carla nur die  Frage, wo es war.

Das richtige Zuhause.

Sie kannte es jedenfalls noch nicht.

 

Grelles Sonnenlicht spiegelte sich im blauen Meer, während die Seile von den Pfeilern losgemacht und an Bord gezogen wurden.

Dann wurde der Motor angemacht, der einige Minuten später ratternd den alten Kahn über die See zu tragen begann.

Die Windrose am Bug des Schiffes flatterte im Wind, der über das Deck hinwegfegte.

Eine kühle Meeresbrise.

Das Mädchen schaute hinauf zu den laut schnatternden Möwen, die das Schiff umkreisten wie ein Heiligenschein.

Um sie herum waren etliche Holzkisten, deren Inhalt Carla nur erahnen konnte.

Im Grunde genommen war ihr egal, was um sie herum passierte.

Fest stand nur: Sie musste weg von hier, irgendwohin anders.

Auf einmal musste Carla husten.

Noch immer steckte der dreckige Nikotinrauch in ihren Lungen und klammerte sich fest.

Er wollte sie nicht loslassen, so wie ihre Vergangenheit noch immer ein Teil von ihr war.

 

Carla legte ihren Rucksack mit dem wenigen Hab und Gut ab und schaute wieder nach oben.

Ihre Augen brannten und die Welt um sie herum wirkte verschwommen, fast wie durch einen Schleier.

Sie legte sich hin, mit dem Kopf auf das harte Holzdeck.

Wie lange hatte sie wohl geschlafen?

Sie wollte sich erinnern, doch ihr Kopf fühlte sich an wie benebelt.

Das letzte, was ihr im Gedächtnis verblieben war, war der versoffene, aber hilfsbereite Hafenarbeiter am Hamburger Containerhafen, mit dem sie eine Zigarette geraucht hatte, nachdem er ihr angeboten hatte, auf dem Schiff seiner Mannschaft mitzufahren.

Das Mädchen dachte nach, wobei sein Kopf nur noch mehr zu schmerzen begann.

Was genau war auf dem Weg zum Hafen passiert?

Tränen. Sie hatte sich auf fast unerklärliche Weise in Richtung Hafen bewegt, ohne Stadtplan und Ortskenntnisse.

„Falls etwas schief gehen sollte.“

Die rauchige Stimme ihrer Mutter mischte sich auf einmal in die Gedanken des Mädchens.

Vor ungefähr zwei Jahren hatte die Frau einen Brief mit diesen Worten beendet.

Es war das letzte Lebenszeichen gewesen, das die junge Mutter an ihre Tochter geschickt hatte.

Verpasst…

In gewisser Weise fühlte Carla Mitleid für ihre Mutter, die verpasst hatte, bei der Kindheit ihrer Tochter dabei zu sein.

Während Carla in Bezug auf ihre Vergangenheit wahrscheinlich immer im Dunkeln tappen würde.

Dabei hatte sie doch eigentlich immer nur die Wahrheit erfahren wollen – über sich und ihre Mutter.

Wieso sie all die Jahre nicht wie andere Kinder Zuhause sein und normale Eltern haben konnte.

All die Jahre war Carla so unendlich wütend auf sie gewesen – mal ganz abgesehen davon, wie sehr sie sich für ihre Familie geschämt hatte.

In einem der wenigen Briefe, die Carla von ihrer Mutter bekommen hatte, war die Rede von der Liebe gewesen – darüber, dass ihre Mutter niemals in ihrem Leben einen wirklichen Freund gehabt hatte.

Nicht einen Loser wie Josh, der bei der nächsten Gelegenheit wieder abhauen würde, um mit einer anderen ins Bett zu gehen.

Jemanden, dem sie vertrauen konnte.

Carla hatte noch nie einen Jungen wirklich kennengelernt – gut, ein paar kannte sie vom gemeinsamen Fußballspielen. Ab und zu kickten sie halt zusammen einen Ball umher. Aber mehr passierte auch nicht.

Heimkind.

Wie ungerecht es manchmal doch war!

Hübsch konnte man ja sein und intelligent auch, aber trotzdem: Heimkind blieb Heimkind und hatte gefälligst unter seinesgleichen zu bleiben.

„Wie bitte, liebe Politiker, soll jemand wie ich dann…“ – sie musste husten, weil sie überrascht wahr, wie sehr es beim Sprechen in ihrem Hals kratzte, kurz  nach dem ersten Rauchen.

… Freunde finden, die nicht aus dem Heim kommen.

Das war es, was sie hatte sagen wollen und trotzdem nicht mehr aussprach.

Jetzt war sie 16 Jahre alt und so langsam fragte sich das Mädchen schon, wann sie endlich jemand in ihrem Alter finden würde, der so tickt und denkt wie sie.

Irgendwann vielleicht. Vielleicht auch nie.

Carla Frisch legte ihre Hand in den Rucksack und holte das Prisma heraus.

Es war ein Geschenk ihrer Mutter gewesen. Als Glücksbringer.

„Falls etwas schief läuft.“

Fettspuren waren darauf und ein kleiner Riss zog sich durch das Glas, aber als sie es in die Sonne hielt, funktionierte es trotzdem noch.

Das Sonnenlicht wurde gespreizt und die Regenbogenfarben schienen hindurch, in all ihrer Vielfalt.

Plötzlich legte Carla das Prisma zur Seite und schaute in den Himmel.

Bildete sie es sich nur ein, oder war jetzt wirklich ein Regenbogen am Himmel?

Die Worte ihrer Heimbetreuerin fielen ihr wieder ein:

Wenn du mal größer bist, meine Kleine, wirst du irgendwann einen Menschen finden, der zu dir passt. So wie zwei Regenbögen.

Weißt du noch, wie das mit dem Schatz am Ende eines Regenbogens war?

Sie folgte dem Lauf des Regenbogens und sah, wie er weit vor ihnen, in Fahrtrichtung in das Meer stürzte.

Da war es also, das Ziel ihrer Reise.


 

Schule Arschloch Liebe               von Lambert Geuenich

 

„Hau rein John! Kommst Samstag vorbei? Wir gucken das Endspiel und dann gibt's noch Party!" Ich schaute mich um und nickte. Ein gutes Stück hinter mir stand Sven zusammen mit Ole und anderen Jungs. Ich ging weiter und blickte weiter nach hinten. „Ja kein Problem! Ich bring Chips mit!", antwortete ich. Ich sah noch wie sich ihre Freundinnen zu ihnen gesellten und sich um ihre Hälse warfen. Meine Laune sank weiter. Wie ich das hasste. Man konnte kaum reden ohne dass einer der Jungs ein Mädel im Arm oder eine Zunge im Hals hat. Und mit beidem kann man weder Fußball, Basketball noch Tischtennis in der Pause spielen. Ich ging weiter, tief in Gedanken versunken, an knutschenden und flirtenden Pärchen vorbei über den Schulflur. Meine Gedanken drehten sich um den Gedanken: „Warum haben alle eine Freundin, außer ich?!" Außerdem machte ich mir Gedanken um meine nicht abgegebenen Mathehausaufgaben. Herr Korte war zwar wegen einer Besprechung nicht zum Unterricht erschienen, die Hausaufgaben sollten wir jedoch in sein Fach legen. Es war verrückt. Wenn ich Hausaufgaben mache ist es ihm egal, aber wenn ich sie nicht habe kann er das irgendwie riechen. Selbst in einem Atombunker am anderen Ende der Welt. Allein beim Gedanken an das Nachsitzen und das schadenfrohe Lächeln von Herr Korte lief es mir kalt den Rücken runter. Ich wusste, dass ich ihm begegnen werde. Spätestens in der Mathestunde würde ich ihn sehen müssen. Aber mein „Glück" kam unverhofft, als ich in diesem Moment mit ihm zusammenstieß. Buchstäblich am Boden zerstört lag ich unter Mathebüchern, Notenheften und Schulheften begraben vor meinem kräftigen Mathelehrer. Dieser, bekleidet mit einem Holzfällerhemd und Jeans, beugte sich vor, um zu sehen wer ihn übersehen hatte. Er sah mich mit einem Lächeln an. „Ah, mein Lieblingsschüler wie geht es dir?" „G-g-gut", stotterte ich und legte die Hefte und Bücher zusammen. „Sag mir, habe ich sie nur übersehen oder habe ich deine Hausaufgaben nicht bekommen?", fragte er mich, während er sich wieder aufrichtete um sein Lächeln der Umgebung zu zeigen. Ich sah dies und machte mich weiter daran, die Hefte, Bücher und Blätter zuordnen. Ich sah ein Blatt ohne Namen drauf, die Schrift viel zu ordentlich für mich, aber die Tatsache, dass ich die Hausaufgaben gemacht hatte, würde Herrn Korte so verwundern, dass er sich über den Rest keine Gedanken mehr machen würde. Ohne weiter nachzudenken schrieb ich meinen Namen auf den Strich neben dem Wörtchen „Name" und legte es zu den restlichen Blättern. Ich stand auf gab Herrn Korte seine Sachen und sagte sicher zu ihm: „Ich glaube sie habe meine Hausaufgaben übersehen!" Doch Herr Korte sah mich an und lachte: „Junge ich weiß was ich sehe! Eher gebe ich euch einen Monat keine Hausaufgaben, als ich von dir pünktlich etwas zu sehen kriege, was man im Entferntesten als etwas erkennen könnte, was sich Hausaufgabe nennt." „Gucken sie doch einfach nach.", sagte ich ihm und sah ihn ernst an. Nach wenigen Momenten der Ruhe wanderte über das Gesicht meines Lehrers ein noch breiteres Lächeln und begann mir die Namen von den Blättern vorzulesen: „Anna, Kevin, Justus, Marie, Joshua, Melanie, Michaela, Lucy, Thomas...", plötzlich stockte er. Und sagte verwundert: „John?" „Ja, was ist Herr Korte?", fragte ich ihn, während in mir eine Lawine aus Selbstlob los brach. „Deine Hausaufgabe?! Wie kommt die denn hier her?" „Ich glaube wie die anderen auch. Erst zum Sekretariat und dann in ihr Fach! Überrascht? Wie Schade, jetzt werde ich mir für Freitagnachmittag eine neue Aktivität suchen müssen. Einen WUNDERSCHÖNEN Tag wünsche ich!" Voller Freude ging ich weiter zum Ausgang und ließ meinen verdutzten Lehrer auf dem Gang stehen. Ich wusste, dass er innerlich kochte.


Ich ging weiter und wollte gerade zur Türe hinaus, als mir ein anderer Lehrer an mir vorbei ging. „Hier ich hab ein Briefchen für dich!" Frau Prosti war meine Deutschlehrerin und sah aus wie ein Kindergartenkind, welches allerdings schon seit fünfzig Jahren den Kindergarten besuchte. Doch sie verschwand so schnell wie sie kam. Ich ging weiter und ging die Rampe zum Schulhof runter. Mit der Tasche auf dem Rücken zur Bushaltestelle. Während ich auf den Bus wartete las ich den Zettel, den mir Frau Prosti gegeben hatte. Schockiert las ich den Inhalt.
„Aufgrund des Defizits aus der letzten Klassenarbeit aus dem Fach Deutsch würde ich es begrüßen wenn ihr Sohn sich am Samstag zwischen 9:30 und 11:00 Uhr zu einer Übungsstunde in der Schule erscheinen würde. Ich habe ihnen diese Nachricht auch per E-Mail geschickt.
Mit freundlichen Grüßen Prosti"


Mein Wochenende war zerstört. Ich sah auf meine Uhr, noch 30 Minuten bis der Bus kommt. Ich setzte mich ins Bushäuschen, zückte mein Handy und spielte ein Spiel. Selbst ein zerquetschtes Pausenbrot schmeckt wenn man Hunger hat. Immer wenn ich aufsah um zu sehen ob der Bus da war, sah ich einen anderen Hintern der sich an die Scheibe presste, während dieser und der restliche Körper herzlich umarmt wurde. Mir wurde schlecht. Ich warf mein Pausenbrot in den Mülleimer und gab mich wieder dem Spiel hin. Dann kam der Bus. Ich stieg ein setzte mich und stellte meine Tasche neben mich. Ich schaute aus dem Fenster. Die Häuser wurden immer weniger bis wir auf der Landstraße an Feldern vorbei fuhren. Dann ein paar Häuser und wieder nichts. Ich dachte über das bevorstehende Wochenende nach. Es war wohl so eine Art Jackpot, die Übungsstunde mit Frau Prosti. Ich wusste meine Eltern würden zustimmen, denn Schule geht vor. Eigentlich stand Samstag Ausschlafen auf dem Programm. Aber das hatte sich nun wohl erledigt. Aber warum immer Samstag? Morgen tut es doch auch. Aber jetzt mal was wichtiges! Warum hatte ich keine Freundin? Ich war weder Dumm noch Fett oder sonst irgendwie, gut ich war auch nicht einer von denen die sich jeden Tag aufwendig herrichteten oder durch coole Sprüche glänzten? Ich wusste es nicht. In den Filmen war es doch so einfach. Dort trafen sich rein zufällig zwei Menschen, verliebten sich oder wurden verkuppelt oder bemerkten ganz plötzlich wie sehr sie sich liebten und so weiter. Im Fernsehen reichte es aus Quarterback im Schulteam zu sein. Doch im realen leben gab es noch nicht einmal ein Footballteam an der Schule. Ich spielte zwar recht erfolgreich in einigen Schulmannschaften, aber trotzdem lag meine letzte Beziehung lange Jahre zurück. Es war aber auch eine Beziehung auf Anfänger-Niveau, wenn küssen noch peinlich ist und man sich tausende male schreibt wie sehr man sich liebt aber mehr auch nicht. Irgendwann langweilt man sich und dann ein Fehler und peng die Beziehung ist kaputt. Erst denkt man sich, nachdem man denn Schmerz überwunden hat, dass man schnell eine neue Freundin finden würde, doch dann die Enttäuschung. Seit Jahren keine Freundin. Wenn ich Glück hatte vielleicht mal ein kleiner Flirt. Aber mehr gab es für mich nicht.


Ich stieg aus. Ich sah auf die Kirchturmuhr unseres kleinen Dorfes. Ich weiß nicht warum aber irgendwie munterte mich der Anblick der Kirche, des Marktplatzes mit seinen kleinen Häuschen um ihn herum auf. Hier war es friedlich. Mir fiel ein, dass ich meiner Mutter versprochen hatte Brot vom Bäcker zu holen. Ich ging also an Läden vorbei zum Bäckerladen an der Ecke. Über der Türe hing ein großes altes Schild mit einem Brot und einem Brotschieber drauf und aus der Tür kam mir der Geruch von frischem Brot entgegen. Die Bäckerin stand hinter der gläsernen Theke und fragte: „Na Jung, was darf es den sein?" Ich schaute in Brotregal hinter ihr und sagte ein Weißbrot bitte!" „Das macht Zwei Euro!" Ich gab ihr das Geld, verabschiedete mich und ging weiter. Es roch nach Regen und ich beeilte mich, damit ich noch trocken nach Hause kam. Ich legte das Brot auf den Tisch, setzte mich an den Küchentisch und schrieb an meinem Referat weiter. „Die Auswirkungen den Fischfangs auf die Evolution des Fisches unter besonderer Hinsicht auf den Beifang", das Thema klang nicht nur öde, es war auch öde. Ich beschloss das nächste Mal vor der Fächerwahl nachzudenken und mich nicht nach meinen Freunden oder dem Anteil an Mädchen mit Oberweite zu orientieren und mich danach richtend in den Kurs einzutragen. Nun war es zu spät und ich schrieb völlig unmotiviert weiter. Die meisten hatten den Mist bestimmt schon fertig. Ich sah meine Kumpels vor mir wie sie sich mit ihren Freundinnen aufmachten um eine der zahlreichen Partys zu besuchen oder mit ihnen den Sonnenuntergang ansahen. Mir wurde bewusst, dass eine Freundin zu haben auch Nachteile mit sich brachte welche in der Summe objektiv ziemlich hart waren, aber mich in meiner egoistisch-subjektiven Sichtweise nicht von der Überzeugung abbrachten, dass ich unbedingt und am besten sofort eine Freundin brauchte. Aber sowohl mein Referat als auch meine morgige Übungsstunde werden wohl kaum dazu beitragen, dass sich mein Problem lösen sollte. Und so schrieb ich weiter. Dann kam meine Mutter völlig Müde nach Hause. „Hallo Schatz, essen ist in der Mikrowelle! Ich muss ins Bett im Büro war wieder die Hölle los!" Eigentlich waren das die perfekten Bedienungen um mich vor dem Fernseher mit Hilfe einer dieser amerikanischen Serien zu verblöden, aber das Referat lag vor mir wie ein Todesurteil, denn ich wusste genau, dass wenn ich das nicht bis morgen fertig hatte, würde ich auch nicht zu Sven gehen dürfen um mir dort das Pokalfinale anzusehen. Also musste ich mich zusammenreißen und weiterarbeiten. Die Situation wurde von der E-Mail die Frau Prosti meiner Mutter geschickt hatte nicht gerade verbessert. Ich schwitzte bis spät in der Nacht über meinem Referat. Dann endlich war es fertig. Ich wusste zwar, dass es bei meinem Biolehrer für nicht mehr als eine 4 reichen würde aber das war mir jetzt eigentlich auch wieder egal. Müde ging ich ins Bett.


Am Nächsten Morgen weckte mich meine Mutter bereits um Acht Uhr. „Aufstehen Schatz, du musst zur Schule. Aber du hast glück ich muss gleich ins Büro und einkaufen und kann dich auf dem Weg an der Schule absetzen. Ach ja, Papa hat aus Shanghai angerufen die Verhandlungen laufen gut, er kommt Ende nächster Woche zurück. Und jetzt beeil dich!" Ich wusste, nun war alles zu spät und ich machte mich fertig für die Übungsstunde. Mein Leben war zu kurz für so einen Mist, aber das überzeugte niemanden, weder Lehrer noch Eltern. „Vergiss deine Jacke nicht, heut Mittag soll es Regnen und besonders warm ist es auch nicht!", schallte es aus der Küche. Um weiteren Stress zu vermeiden und mir die Chancen auf das Finale nicht vollständig zu verbauen setzte ich mich in Bewegung und zog meine Jacke an, dann ging ich in die Küche, löffelte einen Pudding und stieg ins Auto. Die Fahrt mit dem Auto war zwar kürzer und bequemer als die im Bus aber sie fühlte sich an wie der Transport zum Schafott. Dann erreichte meine Mutter die Schule.


Der Regen hatte eingesetzt und die gelbliche Fassade des Schulgebäudes setzte sich deutlich vom tief grauen Himmel ab. Ich betrachtete das Gebäude mit seinen hohen Fenstern und den weißen Verzierungen an allen Ecken. Es war ein eindrucksvoller Bau. Und würde ich ihn nicht mit Stunden langer Langweile assoziieren, könnte ich ihn auch als schön bezeichnen. Er sah aus wie gemalt, er war genau das was man unter einem 150 Jahre alten Schulhaus vorstellte. Auch das Schieferdach mit den kleinen Fenstern, hinter denen das Archiv der Schule und die Requisitenkammer der Theatergruppe befanden, passte hervorragend in das Bild. Ich sah mich um und war nicht überrascht, dass meine Mutter noch immer an der Einfahrt stand. Sie wird solange warten bis ich in dem Gebäude verschwunden war. Ich ging also die Rampe zum Haupteingang hoch und betrat das Gebäude. Innen war Leere, statt Schülermengen oder zumindest den Stimmen, die normalerweise aus den Klassenräumen schallten, gab es heute stille. Selbst bei einer Hinrichtung war bessere Stimmung als hier. Der Klassenraum rechts vom Eingang war aufgeschlossen, die Tür stand halb offen. Ich ging langsam auf die Tür zu und öffnete sie leise, in der Hoffnung niemand würde mich bemerken. Doch das brachte nichts drinnen hatten sich schon mehrere Schüler unter Frau Prostis Aufsicht eingefunden. Verschiedene Jahrgänge, verschiedene Aufgaben, ein Gesichtsausdruck. Für mich stand fest: Diese Veranstaltung verstieß eindeutig gegen die Genfer Konventionen. Guantanamo war dagegen Kindergarten. Ich setzte mich in den hintersten noch freien Platz, es war der in der ersten Reihe, direkt am Pult. Juhu das nenne ich mal Glück. Ich beschloss die Sache jetzt wo es nicht mehr schlimmer kommen konnte sportlich zu nehmen und begann die Aufgaben abzuarbeiten.
Schließlich war ich fertig. Ich beeilte mich, damit ich noch rechtzeitig den letzten Bus nach Hause erwischen konnte, denn der fuhr samstagmorgens einmal hin und zurück und einmal abends hin und zurück. Ich lief durch den Regen in Richtung Hauptstraße, denn am Wochenende fuhr der Bus die Schule nicht an, sondern hielt nur an der Hauptstraße. Ich kam an die Kreuzung und drückte auf den Knopf der Ampel. Das Spritzwasser der vorbei fahrenden Autos durchnässte meine Hose und ich sah hilflos mit an wie der Bus an der leeren Haltebucht auf der anderen Straßenseite vorbei fuhr. Dann endlich sprang die Fußgängerampel auf grün. Ich hatte ihn mir zwar herbei gewünscht aber irgendwie verspürte ich einen Hass auf den grünen Kameraden, der mir fröhlich entgegen leuchtete. Ich blieb einen Moment stehen und fluchte innerlich über den Regen, den Bus und eigentlich alles. Doch dann setzte ich meinen Gang fort. Denn ich hatte keine Lust darauf hier noch ein paar Minuten länger zustehen wenn der grüne Idiot von seinen Freund dem roten Arschloch abgelöst würde. Ich überquerte die Straße keinen Moment zu spät, denn kaum hatte ich den Mittelstrich erreicht war das Arschloch zurück und beglückte andere Passanten mit seiner Existenz. Okay, zugegeben, das Arschloch hatte noch einen mieseren Job als Herr Korte. Und hatte noch weniger als er. Und das war eine Kunst.


Ich kam nun an das leicht demolierte Bushäuschen und setzte mich auf die Bank darin. Die Regen trommelte auf das Wellblechdach und die Tropfen ließen die ohnehin schon trostlose Straße noch trostloser wirken. Meinem Handy war der Saft ausgegangen und der nächste Bus kam erst am Abend. Ich hatte zwei Möglichkeiten. Erstens warten bis Mutter oder der Bus kam. Zweitens Zu Fuß gehen. Oder drittens zurück zur Schule gehen. Ich entschied mich zunächst weiter zu gehen. Aber zuvor wollte ich mich noch einen Moment ausruhen, in der Hoffnung, dass der Regen aufhören würde. Ich tat das was alle ohne Freundin in einem Bushäuschen tun, ich spielte mit meinem Handy.


Plötzlich trat eine Stimme an mein Ohr. Sanft wie Watte und trotzdem mit Sicherheit gefüllt. Eine zarte aber trotzdem kräftige Stimme, welche mich aus meinen Gedanken zog. Ich blickte auf und es war wie im Film. Vor mir stand sie, sie war ein dunkel haariges Mädchen. Nicht besonders groß, vielleicht 1,60 Meter. Ihre tiefen braunen Augen fingen meinen Blick ein und fesselten mich. Mir schien es, als wäre aus dem Regen Sonnenschein geworden. Ihre Haare hatte sie zu einem Zopf zusammen gebunden. Ihre Klamotten waren durchnässt. Ich war wie versteinert. Alles lief ab wie in Zeitlupe, als wäre es ein Film, aber dieser Film war echt! Und wie echt. Jetzt müsse sie sich nur noch aus unempfindlichen eine der ohnehin zurück gebundenen Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen um die Sache perfekt zu machen. Und wie durch ein Wunder geschah dies in diesem Augenblick. Sie wiederholte ihre Frage, welche ich aus Faszination und dem unendlich empfundenen Glück heraus überhört hatte. „Entschuldige, wann fährt der nächste Bus nach Mühlenheim?" Langsam konnte ich mich aus meiner Erstarrung lösen. „Heute Abend um Sechs Uhr!", sagte ich leise. Ich war immer noch wie gebannt von ihr. Aber wahrscheinlich hatte ich so wie so keine Chance bei einem Mädchen ihrer Klasse. Was in mir vorging ließ sich kaum beschreiben. „Ich hab gerade den Bus verpasst und geh gleich zu Fuß nach Mühlenheim.", sagte ich zu ihr während ich mich darüber ärgerte, mit was für dummen Worten ich die Unterhaltung begann. Doch bevor ich im Boden versunken war, antwortete sie: „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich gerne begleiten, ich bin erst vor kurzem hierhin gezogen und kenne den Weg noch nicht so gut. Darf ich mit dir kommen?" „Klar, gerne darfst du mitgehen!" Ich stand auf und deutete mit der Hand auf den Gehweg, welcher mit der Straße hinter einer Kurve verschwand. „Gehen wir?" „Gern!", antwortete sie und wir gingen die Straße entlang durch den Regen.


Ich fragte sie ob sie meine Jacke haben wolle. Zunächst lehnte sie ab, doch als darauf bestand, legte ich legte ihr meine etwas zu große Jacke um ihre Schultern. Wir gingen noch ein Stück bis sie sich in meinen Arm einharkte. Wir gingen schweigend durch den Regen. Dann bogen wir auf einen Waldweg ab, eine Abkürzung. Ich blickte in ihre Augen und sie in meine. Ein Lächeln von unendlicher Wärme erfüllte ihr Gesicht. Dieses Lächeln entzündete ein Feuer in mir welches mir den Weg durch den Schlamm wie ein Sommerspaziergang vorkommen ließ. Der Regen wurde immer stärker und der Weg wurde nun so steil, dass es gefährlich wurde bei dem ganzen Regen weiterzugehen. Ich wusste von einer Wetterhütte.


Als wir sie erreichten öffnete ich die Tür und wir gingen hinein. Drinnen war es dunkel nur durch den Rauchabzug im Dach fiel ein wenig Licht in die Hütte. Wir sackten vom Regen durchtränkt auf dem Boden zusammen. Sarah, so war ihr Name erzählte von ihrem alten Heimat Dorf und ihrem Umzug, ich wollte nicht unhöflich sein. Aber ich folgte ihren Ausführungen wenn überhaupt eher sporadisch als aufmerksam. Ich sah sie an und keines ihrer Worte konnte das ersetzen was ich sah. Dann konnte ich es nicht mehr unterdrücken. Ich sah Sahras Augen, legte meinen Arm um sie und küsste sie. Und sie wirkte erlöst und nahm den Kuss voller Emotionalität entgegen. Nun legte sie auch ihren Arm um mich und wir küssten uns erneut. Ich war voller Gefühle, von denen ich gehört hatte aber noch nie so gefühlt hatte. Nun wusste ich warum meine Kumpels nicht mehr Fußball spielten oder statt an unseren früher legendären Gaming-Nächten teilzunehmen lieber mit ihren Freundinnen verbrachten. Es war ein Gefühl unbeschreibbarer Liebe.


Sonnenstrahlen kitzelten mein Gesicht. Ich öffnete meine Augen. Sahra lag in meinem Arm und schlief. Ich sammelte meine Kleidung zusammen und öffnete die Tür der Hütte. Draußen schien die Sonne und tauchte die Landschaft in ein wunderbares Orange. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. Sahra war aufgewacht. Ich drehte mich zu ihr und sagte: „Wir können weiter. Der Regen ist vorbei." Hand in Hand ging ich mit ihr über die noch immer matschigen Wege, vorbei an Bäumen, Wiesen und Feldern. Der Weg kam mir kürzer vor als sonst. Als die Sonne den Horizont erreichte, erreichten den letzten Hof vor Mühlenheim. Ich blickte zum Dorf und dann zu Sahra. „Hier wohne ich.", sagte Sahra und deutete auf ein Haus am Straßenrand. Wir sahen uns an und küssten uns zum Abschied. Vorsichtig steckte ich ihr einen Zettel mit meiner Handynummer in ihre Rocktasche. Dann ging sie zur Tür und ich setzte meinen Weg fort. Tausend Tage Ferien werden diesen Tag nicht ersetzen können. Noch immer von Glück betrunken, schaue ich auf die Uhr 19:16 zeigte die Digitalanzeige. Samstag 19:16 Uhr. Es hätte auch Dienstag 8:00 Uhr sein können. Es hätte mich nicht Interessiert. Ich ging weiter und kam an die Hauptstraße. Selbst der Kollege vom Arschloch aus dem Hauptdorf konnte meine Laune nicht verschlechtern.


Mitten auf dem Marktplatz hörte ich Gemunkel und Gegröle hinter mir. Sven, Ole und die anderen Jungs, zusammen mit ihren Freundinnen tanzten oder besser taumelten über die den Marktplatz. „Mensch John, wo warst du? Was für ein Spiel! Der reinste Wahnsinn. Spannung bis ans Ende und dann dieses Traumtor...! Das war das Beste was ich je gesehen hab!" „Was? Was ist los?", fragte ich verwundert. „Hallo, Erde an John! Heute Finale? Gewonnen? Mensch John, was ist denn mit dir los? Hast du es zuhause gesehen? Wenn nicht hast du das Spiel des Jahrhunderts verpasst. Hier nimm ein Bier. Vielleicht bringt dich das wieder auf den Damm.", Sven sprudelte vor Freude und Alkohol. Ich konnte es kaum glauben. Das Finale, für welches ich in der letzten Nacht bis zur absoluten Ermüdung gearbeitet hatte war mir plötzlich egal. Ich machte die Flasche in einem Zug leer und ging zusammen mit den anderen in die Dorfkneipe. Kein Wort kam mir Sahra betreffend über die Lippen. Das Bier lief die Kehlen hinunter und alles tanzte, grölte miteinander. Erst am frühen morgen wankten ich nach Hause und fiel ins Bett. „Werde ich sie, Sahra jemals wieder sehen? War es Liebe? Oder nur ein Traum? Hat die Beziehung Zukunft? Oder war es eine Mischung aus Mittel zum Zweck, Langeweile und Lust?" Meine Gedanken drehten sich immer schneller. Bis ich schließlich einschlief.


Mir war klar, ich hatte nichts verpasst. Denn wer legt bitte fest, was man verpasst hat oder nicht. Man verpasst nicht, man eröffnet sich andere Umstände. Ein Überraschungspaket, welches alles beinhalten kann und oft unerwartetes enthält. Ich hoffte auf ein baldiges Wiedersehen mit Sahra.


Die Begegnung wirkt einfach und künstlich, aber ist es nicht das, was unser Leben lebenswert macht? Wenig Kunst, das ist Leben. Dieses einfache, unvorhersehbare Vorhersehbares. Wäre dieses Schema so schlecht, würde man doch keine Millionen mit Filmen mit ähnlicher Handlung machen. Und auch wenn alles einfach scheint, steckt hinter jeder einfachen Handlung ein komplexer Vorgang. Warum sollte das Leben noch komplizierter sein?

 

Bildcredit: AFS

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